24 Stunden in der Wildnis
- Lotti
- 26. März
- 4 Min. Lesezeit
Wie packt man, um 24 Stunden allein in der Wildnis auf den Azoren zu überleben? Die Meinungen waren recht unterschiedlich, das haben wir Lehrer bemerkt, als wir die Rucksäcke der Schüler nach ,,Luxusartikeln“ durchsuchten. Verboten waren jegliche Dinge, welche die Schüler davon abhalten sollten, sich mit sich selbst oder der Natur zu beschäftigen. Keine Ipads, keine MP3-Player, keine Bücher, höchstens ein Tagebuch!

Das Packen und somit der Schwierigkeitsgrad des Überlebens wurden jedem selbst überlassen: Die einen amüsierten sich über die, die gut vorbereitet, aber auch schweißgebadet ihren 20 kg schweren Rucksack mit Isomatte, Schlafsack und Plane den Berg hochschleppten. Die anderen wiederum, amüsierten sich bei der Vorstellung über diejenigen, welche die Nacht nur mit dem äußerst Nötigen verbringen wollten: Wasser, Nudeln und Jacke. Als wenn es wohl keine kalte Nacht werden würde… Als ich dann bei einem der Schüler Parfüm im Rucksack entdeckte, konnte ich mein Lachen nicht verkneifen: Ist Parfüm nun Luxus oder überlebensnotwendig?

Nach der Rucksackdurchsuchung, wurden die Schüler losgeschickt: Jeder sollte sich seinen eigenen Platz zum Überleben suchen - im Idealfall nicht in Sichtweite eines anderen. Ziel der Aufgabe war nicht nur das Überleben, sondern auch das Alleinsein und die Zeit zur eigenen Reflektion. Die erste ,,Schülerrunde“ machte unser Überlebenstrainer David mit Sophie und Robert, während ich den Lagerplatz der Lehrer hütete: der Ort, wo die Schüler immer hinkommen konnten, falls etwas passieren sollte. Nachdem die drei wiederkamen, berichteten sie mir amüsiert von denen, die sich innerhalb kürzester Zeit in der freien Natur schon wie zuhause fühlten: zum Beispiel von Anna, welche genüsslich wie ein Faultier einen Mittagschlaf auf einem Baum hielt.
Während die Schüler nun allein auf sich gestellt, irgendwo in der Wildnis versuchten, einen Unterschlupf zu bauen und Feuer zu machen, waren auch wir Lehrer der Wildnis ausgesetzt. Mein persönliches Schicksal limitierte sich jedoch hauptsächlich auf das Filtern von Wasser aus einem Dümpel. Ich war einerseits beeindruckt, wie gut man mit den richtigen Materialien Schmutzwasser zu trinkbarem Wasser filtern konnte. Andererseits tropfte das Wasser so lange durch meinen Filter, dass ich in der Zeit vermutlich zwei Spanischstunden hätte geben können. Und während ich dann da unten meine Zeit am Dümpel verbrachte, saß der Rest der Crew schon gemütlich am Feuer und freute sich an Steak und Grillkäse…

Als ich dann mein Zelt aufbaute (sehr luxuriöse Ausstattung im Gegensatz zu den Schülern), fiel mir der kaputte Reißverschluss auf. Sowie mir die Idee kam, nach Klebeband zum Zukleben zu fragen, schwand sie auch wieder. Denn wir lassen die Schüler mitten im Wald ohne Zelt übernachten und dann schaffen die Lehrer nicht mal mit offener Zelttür zu schlafen?! Das geht natürlich gar nicht. Also schlief ich mit offener Tür – ein bisschen musste man sich der Wildniserfahrung ja wohl auch anpassen. In der Dunkelheit sind David und ich noch einmal los in den Wald, um sicherzugehen, dass alle Schüler wohlauf sind. Es war ein besonderer Ausflug, im Dunkeln durch Gestrüpp zu klettern und die Schüler zu suchen, welche teilweise in ihren Naturunterkünften unfassbar gut getarnt waren. Unsere Mission war es, so leise und unauffällig wie möglich nach den Schülern zu schauen, denn sie sollten in ihrer Zeit allein nicht gestört werden. Es war magisch, als wir plötzlich eine melancholisch singende Stimme einer Schülerin aus dem Wald hörten. Wir hörten dem friedlichen Gesang aus der Ferne kurz zu und machten uns dann weiter durch Schlucht und Gestrüpp.
Die Nacht war kalt. Ich bin immer wieder wegen der Kälte aufgewacht und jedes Mal musste ich an die Schüler denken, welche ihren Schlafplatz nur mit Naturmaterialien gebaut hatten und vermutlich sehr frieren mussten. Vielleicht lohnte sich das Schleppen der Schüler mit den 20 kg Rucksäcken dann doch… Somit kam es auch, dass ich am nächsten Tag damit rechnete, auf durchgefrorene und fertige Jugendliche zu stoßen. Ich stellte mir vor, wie sie mit Laub im Haar verzweifelt darauf warteten, von uns abgeholt zu werden. Doch das Gegenteil war der Fall: Nach 24 Stunden klapperten wir alle Lagerplätze ab und es stellte sich heraus, dass jeder Einzelne, der zuvor noch so gezweifelt hatte, still und zufrieden vorzufinden war. Ich war sehr von der Kreativität der Schüler beeindruckt: Jeder Unterschlupf hatte seinen eigenen Charakter und unterschied sich von dem Nächsten. Keno Li ließ mich sogar seine Isomatte aus Fahn testen – gar nicht so ungemütlich und kalt, wie man vielleicht denkt. Andere Kreationen wie selbst gebauter Pfeil und Bogen, Blättergirlande oder einen abgesteckten Vorgarten aus Stöckern, wurden von uns bestaunt. Einige Schüler baten sogar um eine Verlängerung des Überlebens auf 48 Stunden. Ihr Rückzugsort im Wald wirkte fast wie ein kleines Zuhause. Der Hunger war allerdings dann doch nicht ganz so gestillt, wie erwartet. Die Sache mit dem Feuer stellte sich für einige herausfordernder heraus als gedacht. Und somit fielen die Schüler dann ausgehungert über die Essensreste von uns Lehrern her.

Gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen und die Berichte der Schüler zu hören, war sehr amüsant. Aber auch nur, bis ich einmal wegschaute und sich ein hungriger Schüler zum Nudelkochen an meinem ewig, hart erarbeiteten, gefilterten Wasser aus dem Dümpel hermachte. Da war der Spaß dann doch vorbei... Ausgehungert wie sie alle waren, konnte man aber natürlich nicht lange böse sein. Ich war allerdings sehr froh, als ich später das Wasser vom Wassermacher des Schiffes wieder genießen konnte. Ein wahrer Luxus!

Die Überlebenserfahrung endete mit einer schönen Reflektionsrunde mit den Schülern. Es ging um deren schönen Momente allein mit der Natur, aber auch um die Herausforderungen, denen ihnen begegnet sind. Auch spüren alle, dass die Reise bald zu Ende geht, und somit gibt es immer mehr Momente, in denen alle bewusst wertschätzen, wo wir uns gerade befinden und von welchen wundervollen Menschen wir umgeben sind.
Liebe Grüße von Lotti (Spanischlehrerin)
.png)



Kommentare