Ein Tag auf See - aus der Sicht einer Schülerin
- Emily
- 25. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Das Wetter ist wunderschön, wir haben quasi keinen Seegang, es ist selbstverständlich keine Schule und auch sonst überhaupt keine Arbeit, wir chillen alle gemeinsam auf dem Achterdeck, jeder ist fit, wach und gut drauf…
Hallo?
Hallo?
Hallooooo?
Schluss mit Träumen, Lisi steht vor meinem Bett und weckt mich fürs Mittagessen, in 4 Minuten soll es losgehen, scheinbar hat der Küchendienst vergessen zu wecken. Voll verschlafen tapse ich in den Messroom.
Aber aufstehen ist halb so schlimm, wenn einen gutes, selbst gekochtes Essen erwartet, für jedes Essen gibt es eine vegetarische und sogar eine vegane Alternative. Die wähle ich aus und setze mich aufs Mitteldeck, wo schon alle beieinander sind und wild über den Backbordanker, gerettete Schildkröten, Verstopfungen und natürlich Bayern diskutiert wird.

Auf einmal performt ein fliegender Fisch einen Sprung übers komplette Deck, naja fast,
kurz bevor er es auf der anderen Seite wieder ins Wasser geschafft hätte, landet er in der Schanzwand – es gibt wohl kein unspektakuläres Essen an Bord.
Bei dem Sonnenschein scheint mir Tagebuch schreiben und aufs Meer schauen eine gute Idee. Das Gefühl, nur vom unendlichen Blau umgeben zu sein, ist unbeschreiblich, ich genieße es sehr, in meinem Leben habe ich mich nicht freier gefühlt.

„Emily? Wir haben jetzt Englisch!“ Okay, ich nehm alles zurück, das war’s mit der Freiheit. Als verantwortungsvolle Schülerin hinterfrage ich den ganzen Spaß nur ein andermal und setze mich dann brav an den Tisch. Während Robert mal wieder über so was wie Sierra Leone faselt, entdecke ich etwas im Wasser: „Delfine auf Steuerbord!“ ist alles, was ich rufen muss, um den kompletten Schiffsalltag für 5 min lahmzulegen. Wir alle freuen uns sehr, diese wirklich faszinierenden Tiere zu beobachten und zu sehen, wie sie sich ihren Körper von dem Schiffsschwell massieren lassen.
Dann erwischt es mich doch, der Unterricht ist tatsächlich spannend, wir behandeln gerade den karibischen Sklavenhandel, viele der Hauptschauplätze dieser geschichtlichen Ära sind auch Teil unserer Route, weshalb es besondere Relevanz hat, sich damit auseinanderzusetzen. Matheunterricht funktioniert auch sehr gut, denn das erste Mal verstehe ich die Themen auch wirklich, sich so viel Zeit für jedes Thema zu nehmen, wie man braucht, ist an unseren Heimatschulen nicht möglich. Hier schon also, Ableitungsfunktion check!

Kurz vor dem Abendessen wird es nochmal nautisch, an der Breitfock müssen Mausings erneuert werden, die gewährleisten, dass sich keins der Seile vom Schiff lösen kann. Nach einer Einführung an Deck geht es ab ins Rigg. Nicht jede Aufgabe an Bord ist schön, es gibt quasi immer etwas zu tun und oft sind es sehr anspruchsvolle Jobs, aber genau daraus lernt man am meisten. Ich mag die Arbeit auf dem Mast sehr gerne und kann sie nach 30 min erfolgreich abschließen.

Sobald die Sonne in einem 40-min-Spektakel aus den schönsten Farben untergegangen ist, wird es gemeinschaftlich an Bord. Es gibt einige Optionen: Werwolf spielen und leidenschaftlich diskutieren, wer jetzt als erstes stirbt, gemeinsam singen und sofort ein Veto einlegen, wenn jemand Riptide vorschlägt, freshe Beanies für die Heimfahrt häkeln oder einfach nur zusammen existieren und dankbar darüber sein, was für ein einmaliges Abenteuer wir hier gerade erleben.
Kein Tag an Bord ist wie der andere, selten läuft alles wie geplant und ein bisschen Chaos gehört dazu, aber das ist er halt, der Bordalltag, den wir in den letzten 4 Monaten so zu schätzen gelernt haben.

Und ja, ganz manchmal ist auch mein Traum vom Anfang Realität ;)
Grüße an die Kegelfreunde Ost und alle Schildkröten, die sie retten konnten 🐢
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